3.4 Fibromyalgie. Niemand bringt sich gerne um!

10.04.2016

 

Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht (J. W. von Goethe)

Zu meinen, wer freiwillig aus dem Leben scheidet, ist meistens psychisch beeinträchtig bzw. krank, stimmt nicht. Niemand bringt sich gerne um und geht, ohne zu denken, von dieser Welt. Warum tut Er/Sie mir das an? Darauf werden Sie keine wirkliche Antwort finden und dies wird Ihnen auch keine ehrliche Hilfe sein bei Ihrer Trauer.

Wenn der „Leidensdruck“ über einen längeren Zeitraum zu groß ist, sich nicht verbessert und nicht mehr ertragen werden kann, ist die Gefahr des Freitodes gegeben. Für mich ist das kein Zeichen der persönlichen menschlichen Schwäche, sondern ein nicht mehr tragen können dieser „massiven Überforderung“. Auch wenn Hinterbliebene diese Situation nicht verstehen können, weil Sie meinen, die Situation wäre doch „gar nicht so schlimm gewesen“, dann ist dies nur ihre eigene Ansicht.

Während einer Krise bringt ein Mensch viel Kraft (Selbsterhaltungstrieb)  auf, um dieser Spannung entgegenzuhalten. Oft, wenn alle Überlebensideen verbraucht sind, kommt es dann überraschend für viele zu einem Freitod.

Die Bezeichnung „Selbsterhaltungstrieb“ ist eine Metapher für die beobachtbare Tatsache, dass jedes Lebewesen zu überleben versucht, sprich: seine Lebensbedingungen zu optimieren versucht, sich gegen Angriffe anderer wehrt oder etwa flieht.

https://de.wikipedia.org/wiki/Selbsterhaltung

Bei Schicksalsschlägen, Krankheiten oder Leiden, die auf der einen Seite zu verstehen sind (sichtbare Krankheiten), ist es einfacher, Verständnis zu bekommen als für „unsichtbare Krankheiten oder Leid“. So gehören chronische Schmerzen, Depressionen, Schlaflosigkeit, chronische Erschöpfungen etc., wie es z. B. das Fibromyalgiesyndrom (FMS) hat, sicherlich zu den unsichtbarsten Krankheiten unserer Erde. Obwohl mit diesem Krankheitsbild unsagbar viel Leid verbunden ist. Menschen, die am FMS erkrankt sind, leisten Tag ein Tag aus unwahrscheinliches. Oft wird von morgens früh bis abends spät, oder auch bis in die Nacht, nur „ums überleben gelebt bzw. gekämpft“!

Da ist es eine Frage Ihres Überlebenstriebes und Ihrer eigenen Ressourcen, viele solcher Tage sinnvoll, trotz großem Leid, zu gestalten.

Lob und Anerkennung zu bekommen, ist Mangelware. Wie soll das auch geschehen? Unser unsichtbares Leiden ist nicht fassbar. Es ist schwer, hier einen Vergleich zu finden, um nicht anderen Betroffenen zu nahe zu treten.

Aber einen Rollstuhl sieht man – da möchte niemand rein und man kann empathisch sein. Auch Krebs ist eine Diagnose, vor der man sich normalerweise fürchtet. Hat man erstmal „den Krebs“ besiegt, ist man ein Held.  Man wird für seinen Lebensmut mit Lob und Anerkennung gedankt. Es wird teilweise sogar auf den Betroffenen aufgeschaut.

Beim FMS wird man meistens auf die Psychoschiene geschoben und oft bestenfalls liebevoll belächelt.

Ein Phänomen ist, das Menschen, die gesund sind, neidisch, eifersüchtig und unverständlich auf eventuelle Krankheitsgewinne sein können. Wichtig erscheint mir für den Kranken, sich des Phänomens „Krankheitsgewinn“ bewusst zu sein, um seiner Genesung oder Verbesserung nicht selbst im Wege zu stehen.

Ich selbst begleite Menschen, die über einen längeren Zeitraum, dem Tod näher sind, als diesem so einschränkenden Leben. Ich habe Verständnis für Ihre Situation. Alle Menschen, die ich begleite und die gerne den Freitod gehen würden, sind noch am Leben – aber der Kampf ist hart.

„Selbstmord ist bisher die einzig bekannte Behandlungsmethode, die zu einer längerfristigen Beschwerdefreiheit führt, wird aber wegen der hohen Nebenwirkungen von den meisten Ärzten nicht empfohlen“.

http://www.stupidedia.org/stupi/Fibromyalgie

Ich gebe zu, das ist makaber, aber oft bleibt einem nur noch der „Galgenhumor“ übrig.

Der Kuchen ist mehr als die Summe seiner Bestandteile

Das FMS besteht ja nicht nur aus unerklärbaren chronischen Schmerzen, sondern aus einer Vielzahl von massiven Begleitsymptomen, das weiß auch mitlerweile die Medizin. Erst die vielen Begleitsymptome machen aus dem FMS ein Krankheitsmonster.

Ein kleines Beispiel:

Bei meinem vollgendem Beispiel werden Sie sagen: ja das kenne ich. Nehmen wir an, Regen ist eine Krankheit. Sie gehen nun spazieren, es regnet, Sie werden nicht nur nass, sondern das FMS-Monster lässt den Wind so richtig wüten, es fängt an zu Blitzen. So, jetzt könnte die Geschichte vorbei sein, Sie gehen nach Hause, machen sich trocken und es ist wieder alles gut. Doch für uns FMS Kranke ist diese Bild fast täglich zu ertragen und wenn man zuhause ist, ist die Geschichte nicht vorbei.

Es sind nicht nur die ständigen Schmerzen, sondern die Summe seiner Krankheitsteile. Es ist nicht nur der Regen, es ist die Summe von nass werden, ausgekühlt sein, die Blitze, die Dunkelheit und  die Angst, dass dieses „Gewitter“ ewig andauern wird.

Im Jahr 2007 haben sich in Deutschland fast 9.500 Menschen das Leben genommen. Das sind 1,1 Prozent aller verstorbenen in Deutschland. Männer bringen sich häufiger um als Frauen. Das Verhältnis ist drei zu eins. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Selbstmordrate wesentlich höher ist, ist stark gegeben.

Die Selbstmordrate war 1970 ungefähr doppelt so hoch. Die medizinischen Fortschritte haben dazu beigetragen, um einerseits Menschen retten zu können, bzw. ein würdevolleres Leben zu ermöglichen. Auch die psychologischen Möglichkeiten sowie Medikamente haben dazu beigetragen.

Viele suizidpräventive Maßnahmen haben die Suizitrate sinken lassen. So wird nicht von jedem Selbstmord plakativ und nachahmungsanstiftend berichtet.Vor allem die Hausärzte sind hellhöriger geworden. Möglichkeiten, sich das Leben zu nehmen, wird durch bauliche Maßnahmen sehr eingeschränkt, z. B. durch gesicherte Brücken.

Präsuizidales Syndrom

Der Begriff „präsuizidales Syndrom“ wurde vom Psychiater Erwin Ringel eingeführt. Das Syndrom umfasst die drei Merkmale: Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidphantasien, die laut Ringel, regelmäßig einer Suizidhandlung vorausgehen.

 

„Immer enger wird mein Denken
immer blinder wird mein Blick,
mehr und mehr erfüllt sich täglich
mein entsetzliches Geschick.
Kraftlos schlepp ich mich durchs Leben
jeder Lebenslust beraubt,
habe keinen, der die Größe
meines Elends kennt und glaubt.
Doch mein Tod wird Euch beweisen,
dass ich jahre-, jahrelang
an des Grabes Rand gewandelt,
bis es jählings mich verschlang.“

– aus: Die österreichische Seele: (1)

 

Nicht jeder Gedanke, sich das Leben zu nehmen, führt schlussendlich auch zum Freitod. Nein, Ringel meint, erst wenn alle 3 Faktoren zusammentreffen, Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidphantasien, erst dann, kommt es zum Freitod.

Wenn jeder Mensch Tod umfällt, der sich schonmal das Leben nehmen wollte, oder daran dachte, weil es gerade unglaublich schwer in seinem Leben ist, dann wären wir eine einsame Welt, ohne Menschen.

  • Bei der Einengung werden die Wahlmöglichkeiten geringer. Depression, Einsamkeit, Isolation und Rückzug, unheilbare Krankheiten, aber auch Verluste von Menschen, Arbeit und alles was einem Sinn und Halt im Leben gegeben hat.
  • Bei der Aggressionsumkehr richtet sich die Aggression früher oder später gegen einem selbst.
  • Suizidphantasien: Der Freitod wird in einer Scheinwelt aufgebaut, die immer größere „Wirklichkeit“ annimmt.

 

Wenn ein Mensch leben möchte, sein Leben aber nicht mehr ertragen kann, dann zerbrach der Krug in viele Scherben …